Robert Müller Rennen ROX 12
Freizeit, Training

Rennfahrer im Lockdown – ein Gastbeitrag von Robert Müller

Es ist Ende Juni 2020, ich bin seit Wochen zu Hause und dieses Jahr noch kein einziges Radrennen gefahren. Diesen Zustand gab es in den letzten mehr als 20 Jahren bei mir nicht und ich hätte ihn mir auch nicht vorstellen können. Seit über 3 Monaten wird das Leben wie wir es alle kannten nun schon vom Corona Virus eingeschränkt und jeder muss für sich einen Weg finden, damit umzugehen.

Mir wurde Mitte März klar, dass die ganze Sache doch ernster ist als zunächst gedacht. Ich war mit meinem Team Veloclub Ratisbona Regensburg in Kroatien um dort die erste UCI Rundfahrt des Jahres zu fahren. Als wir von einer Streckenbesichtigung zurück ins Hotel kamen erfuhren wir von der Absage der Rundfahrt, die am nächsten Tag hätte starten sollen. Da mittlerweile auch Gerüchte die Runde machten, dass die Grenzen in Europa geschlossen werden würden, machten wir uns am nächsten Tag auf den Heimweg, obwohl wir noch gerne wenigstens zum Training in Kroatien geblieben wären.

Zurück zu Hause trudelte eine Rennabsage nach der anderen ein und ich musste mich damit abfinden, dass es in den nächsten Monaten keine Radrennen geben würde. Zum Glück gab es bei uns, anders als in einigen Nachbarländern, keinen totalen Lockdown und draußen Rad zu fahren war immer möglich. Das tat ich dann ausgiebig, auch weil es eine Legitimation darstellte sich bei wunderbarem Wetter im April draußen aufhalten zu dürfen. Allerdings konnte ich nicht mehr ins nahe Elsass fahren, da die Grenze zu Frankreich geschlossen war.

Dieses Szenario hätte ich mir vorher nie vorstellen können, denn für mich war es selbstverständlich oft mehrmals pro Woche im Training nach Frankreich zu fahren. Dafür unternahm ich ausgiebige Touren in den Schwarzwald, Pfälzer Wald und auch mal in den Odenwald.

Neue Leidenschaft: Podcasts

Da Gruppenausfahrten nicht erlaubt waren, war ich dabei stets alleine unterwegs. Das machte mir nicht viel aus, denn ich hatte im Winter endgültig die Welt der Podcasts für mich entdeckt, was das Training kurzweilig gestaltete. Mittlerweile gibt es Podcasts für jedes Interessengebiet und man kann dadurch viel lernen oder sich einfach nur gut unterhalten lassen.

Facebook Post von Robert Müller

Diese Kulturtechnik, Rad fahren und dabei Podcasts hören, halte ich für einen der bestmöglichen Zeitvertreibe. Für meine Fahrten suchte ich mir oft besonders schöne Strecken oder Ziele heraus und ließ mich von meinem ROX 12.0 dorthin navigieren. Ich fuhr fast immer im Wohlfühlbereich. Denn um alleine harte Intervalle zu fahren war ich angesichts ausbleibender Wettkämpfe nicht motiviert genug. Außerdem bin ich in den letzten drei Jahren in Summe fast 300 Radrennen gefahren. Da tut es meinem Körper sicher gut, einmal nicht ständig voll belastet zu werden.

Virtuelle Rennen im Aufschwung

Bei meinen Team- und Rennfahrerkollegen konnte ich auf der Trainingsplattform Strava allerdings anderes beobachten. Nicht wenige fuhren sehr lange Touren (die längste mit über 1000 km am Stück) oder sehr schnelle Einheiten. Einige bestritten die sogenannte „Everest-Challenge“, bei der man an einem Anstieg so viele Höhenmeter fährt, wie der Mount Everest hoch ist. Die Motivation für außergewöhnliche Fahrten war bei vielen am Anfang der Krise hoch. Nur wenige stellten ihr Training ganz ein. Daneben gab es noch welche, die virtuelle Wettkämpfe auf online Plattformen gefahren sind, doch das hat mich überhaupt nicht interessiert.

ROX 12 Robert Müller
Robert Müller bei entspannter Trainingsausfahrt mit dem ROX 12.0

Im Lauf der Zeit wurde die Sehnsucht nach Radrennen immer größer. Das Peloton war im Sommer mein liebster Aufenthaltsort gewesen. Also schwelgte ich in Erinnerungen an vergangene Rennen und die damit verbundenen Reisen. Besonders nach Südostasien, wo ich in den vergangenen Jahren viele Rundfahrten gefahren bin. In dieser Phase sah ich auf Facebook, dass bereits Ende Mai wieder eine zweiwöchige Rundfahrt in Vietnam, wo ich auch schon zweimal gefahren war, stattfinden würde. Sofort erkundigte ich mich, ob es eine Chance geben würde, dort mitzufahren. Doch für Europäer wurde kein Visum für die Einreise erteilt.

Licht am Ende des Tunnels

Dann las ich von einem Rennen in Österreich, das nicht abgesagt war und Mitte August tatsächlich stattfinden sollte. Allerdings handelt es sich dabei um kein normales Rennen, sondern um ein Ultracycling Rennen über 2200 km mit 30000 hm einmal rund um Österreich. Man fährt diese Distanz wie bei einem Einzelzeitfahren alleine und nonstop, die Zeit läuft also während aller Pausen weiter. Da mich solche Rennen schon lange faszinieren, klopfte ich sogleich die Möglichkeiten ab dort zu starten und meldete mich schließlich an.

Nun bin ich also damit beschäftigt, mich auf dieses Rennen vorzubereiten, sowohl körperlich als auch mental und organisatorisch. Dabei unterstützt mich, wie während des Rennens auch, ein fünfköpfiges Betreuerteam, ohne das ein Start gar nicht möglich wäre. Außerdem werde ich Anfang Juli zur Vorbereitung ein Langdistanz Rennen in den Alpen über 685 km und 16000 hm mit 16 Dolomiten Pässen fahren. Ebenfalls solo und nonstop. Bei diesem Rennen kann ich auch gleich meine neue Ausrüstung testen, wie z. B. mein BUSTER Frontlicht und das BLAZE Rücklicht.

Durch die Ausnahmesituation dieses Jahr bin ich jetzt also in eine ganz neue Schiene gerutscht. Ich werde völlig neue Wettkämpfe bestreiten und neue Erfahrungen machen. Das wäre sonst nicht passiert, denn ich hatte eine für mich ganz normale und bekannte Saison mit vielen Straßenrennen, Kriterien und Rundfahrten geplant. Bestimmt geht es vielen anderen Menschen ähnlich. Dass sie durch die Corona Pandemie in eine neue Richtung unterwegs sind und daraus kann sich viel Spannendes ergeben.

Über den Autor:

Robert Müller ist 33 Jahre alt, ehemaliger Continentalfahrer und fährt seit über 20 Jahren Lizenz-Radrennen. Weiterhin hat er sich als Begründer der „reinen Lehre“, eine Art Bekenntnis zum puren Radfahren, in der Radsportszene einen Namen gemacht.

In den letzten 3 Jahren sind fast 300 Rennen zusammen gekommen, darunter sehr gerne und ausgiebig Rundfahrten in Südostasien. Aktuell fährt er im zweiten Jahr für den Veloclub Ratisbona Regensburg.

>> Artikel vom Rennrad-Magazin zu Robert Müllers „reiner Lehre“